Murmillo-Archiv

Freitag, 15. Juni 2012

SENECA: EPISTULAE MORALES 1: ÜBER DEN WERT DER ZEIT
Seneca Lucilio suo salutem (Seneca (wünscht) seinem Lucilius Wohlergehen; alles Gute)
Ita fac, mi Lucili (mache es so, mein Lucilius; halte es so, handle so): vindica te tibi (nimm Dich für dich selbst in Anspruch), et tempus (und die Zeit), quod adhuc (die bisher, bis jetzt) aut auferebatur ((Dir)entweder weggenommen) aut subripiebatur (oder entwendet wurde) aut excidebat (oder entfiel; verlorenging; entglitt), collige et serva (sammle und bewahre sie). Persuade tibi (Überzeuge Dich) hoc sic esse (daß es so sei) ut scribo (wie ich schreibe): quaedam tempora (gewisse Zeiten) eripiuntur nobis (werden uns entrissen), quaedam subducuntur (gewisse werden uns entzogen; gestohlen), quaedam effluunt (gewisse entrinnen). Turpissima tamen est iactura (Der schimpflichste Verlust ist dennoch; doch der schlimmste...), quae per neglegentiam fit (der durch Nachlässigkeit geschieht). Et si volueris attendere (Und wenn du achtgeben möchtest; wolltest; willst), magna pars vitae (ein großer Teil des Lebens) elabitur (entgleitet) male agentibus (denjenigen, die schlecht handeln; den schlecht Handelnden), maxima (ein sehr großer Teil) nihil agentibus (denen, die nichts tun; den nicht Handelnden), tota vita (das ganze Leben (aber)) aliud agentibus (denen, die etwas anderes tun (, als was sie eigentlich tun sollten; wollten; den anders Handelnden). Quem mihi dabis (Wen wirst Du mir zeigen, nennen (können); "geben"), qui aliquod pretium (der irgendeinen Wert) tempori ponat (der Zeit beilegt; irgendeinen Wert auf die Zeit legt), qui diem aestimet (der den Tag schätzt), qui intellegat (der einsieht) se cottidie mori (daß er täglich stirbt)? In hoc enim (Darin nämlich) fallimur (werden wir getäuscht; täuschen wir uns), quod mortem (daß wir den Tod) prospicimus (vor uns sehen; als etwas sehen, was vor uns liegt; als etwas Künftiges sehen): magna pars eius (ein großer Teil dessen; des Todes) iam praeterit (ist schon vorübergegangen): quidquid aetatis retro est (was auch immer von der Lebenszeit zurück liegt), mors tenet (hält der Tod (in Händen)). Fac ergo, mi Lucili (Mache also, mein Lucilius), quod facere te scribis was Du zu tun schreibst), omnes horas complectere ("umarme" alle  Stunden; werte sie aus; nutze sie sinnvoll); sic fiet (so wird es geschehen), ut minus (daß Du weniger) ex crastino pendeas (vom Morgen abhängst; vom morgigen Tag abhängig bist), si hodierno (wenn Du dem heutigen; dem Heute) manum inieceris (die Hand auflegst; auf das Heute die Hand legst; "gelegt haben wirst"). Dum differtur vita (Indem das Leben aufgeschoben wird; während...) transcurrit (läuft es vorüber; vergeht es).
(...)
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volueris: Konj. Perf: Potentialis: dt. Präs. oder Fut. II ("du wirst gewollt haben": dt. Perf. od. Präs.
qui...ponat...aestimet...intellegat: Erklärung der Konjunktive:konsekutiver Nebensinn: dt. daß ("der von der Art ist, daß" er der Zeit Wert beimißt etc.
fallimur: reflexiv: sich täuschen
inicere: juristischer Terminus technicus: die Hand auflegen zur Besitzergreifung
inieceris: Konj. Perf. oder Fut. II.
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Da spricht SENECA nur Allzuwahres. Wo er recht hat, hat er recht. Die Zeit-ein flüchtig' Gut, das uns auf mannigfaltige Art und Weise entzogen wird (sog. "Zeitklau"; Fremdbestimmung). Ganz schlimm (verwerflich) ist es jedoch, wenn wir dies selbst verschulden, weil wir nachlässig sind. Das Leben zerrinnt uns zwischen den Fingern, indem wir entweder falsch oder nicht oder anders handeln, als wir eigentlich wollten (also nicht in Übereinstimmung mit uns selbst). Niemand legt Wert auf die Zeit, niemand begreift, daß man in jeder Minute vor sich hin stirbt. Wir sind der irrigen Meinung, der Tod sei etwas Künftiges, dabei sind wir schon teilweise oder größtenteils (ab)gestorben (lebende Leichen (wie z.B. meine Nachbarn, worunter es sogar einige Zombis gibt!)). Ergo: Carpe diem="pflücke den Tag", nutze ihn! Heute muß man leben, nicht das Leben auf "das Morgen" verschieben. Wer heute schon das realisiert, was er will, hängt weniger vom Morgen ab. Er hat ja schon getan, was er wollte. Also ist er nicht mehr so sehr davon abhängig, ob es in Zukunft mit seinen Plänen klappen könnte. Denn er weiß: Dadurch daß das Leben verschoben wird, geht es vorüber. Die Gelegenheit, das Eigentliche zu tun, ist dann evtl. verpaßt.-
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Mit wieviel Unsinn wird dagegen in der Welt die Zeit vergeudet! Wieviele Leute gehen dümmlichen Beschäftigungen nach!
 "Es ist lauter narrheit, mit der alle Welt umbgeht (sic)," spricht Johannes Geiler von Kaisersberg.
Man denke nur an den ganzen monkey-business im Fernsehen. Je dümmer, umso beliebter.
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Daher mein Rat an meine Schüler: Macht keinen Unsinn und konzentriert euch auf das Eigentliche, das Wesentliche, und denkt daran: Ihr seid schon viertels tot! (Die Ewachsenen: halb.)
Und vergeßt nicht, was Prof. H. Lesch (Alpha Centauri) einmal gesagt hat: Denken Sie daran! Morgen ist heute gestern.
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Wir haben übrigens SENECA in der 13. Klasse fast ein halbes Jahr lang gelesen. Ich hatte ihn dann im Abitur (1978, Starkenburggymnasium Heppenheim an der Bergstraße). Seneca hat meine Begeisterung für alles Philosophische entfacht! Dies verdanke ich meinem geschätzten Lateinlehrer Hr. OSTR. Behringer.
Das erste Philosophiebuch, das ich mir gleich kaufte, war dann auch die Kröner-Ausgabe von Seneca: SENECA-vom glückseligen Leben, hrsg. v. H. Schmidt, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1974.
(Meine Schüler hingegen kostet es innere Überwindung, sich ein Reklamheftchen zu besorgen. Denkt daran: Man muß sich auch würdig erweisen!)
Wer Latein bis ins Abi wählt, muß mit obigem Text etwas anzufangen wissen. Steht er Inhalten wie diesen fremd gegenüber, sollte er es lieber lassen, und zwar im eigenen Interesse und im Namen der Wissenschaft.-
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EREC (euer dominus)



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