Murmillo-Archiv

Samstag, 18. Juni 2016

MODERNE DICHTUNG: GENIAL ODER UNSINNIG?-DAS JUNGE TALENT

Warum müssen sogenannte "moderne" Dichter fast immer in Rätseln sprechen? Warum können oder wollen sie sich nicht allgemeinverständlich ausdrücken?
Bei vielen modernen Elaboraten, die sich Dichtung schimpfen, muß man prophetische Gaben haben, um hinter den Sinn zu steigen, oder man braucht eine Gebrauchsanweisung.
Wer einmal eine Dichterlesung gesehen hat, weiß wovon ich spreche.
Ich sehe da immer eine klischeehafte Szene wie diese vor mir: Ein junger intellektuell aussehender Dichter mit Halstuch, dünn, schmale Schultern, ohne Muskeln, ernst, ins Leere gerichteter Blick (vielleicht ist sein Blick auch in den Äther gerichtet, nur ich bin zu blöd, das zu erkennen), sitzt in einem Wohnzimmer unter einer abgedunkelten Stehlampe.
Irgendein Kulturheini kündigt dann das junge Talent an:
"Liebe Freunde des bedeutungsvollen Wortes, ich möchte Ihnen heute ein junges Talent vorstellen, das sich vom Symbolismus zum Metasymbolismus entwickelt hat."
Das junge Talent versucht, bedeutungsvoll zu "schauen".
"Schon die Hinwendung zum einfachen Symbolismus stellte für den Dichter eine radikale Abkehr von allem Konkret-Welthaften dar. Das Erschließen symbolhafter Räume war jedoch für unser junges Talent mit krisenhaft-existenziellen Leiden verbunden." ("Kein Wunder", denke ich.)
Das junge Talent versucht leidend auszusehen.
"Doch diese Lebenskrisis überwand unser junges Talent durch den seinshaften Durchbruch zum Metasymbolismus. Doch ich überlasse nun unserem jungen Dichter das Wort."
Der sagt erst einmal einige Minuten gar nichts, dann räuspert er sich, macht eine undefinierte Handbewegung, die wohl ankündigen soll, daß jetzt Großes kommt:
"Leid---
durch Welt,
Leid---
durch Abkehr von Welt
Leid---
durch die Schau
der Dinge...
Doch da!
Ein Licht!
Da, seht ihr nicht?
Da!
Durchlichtung des Seins---
Gewahrung des Selbst---
Endlich...
hinurch...
am Ziel."
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Minutenlang betroffenes Schweigen, dann tosender Beifall. Anschließend diskutiert der ganze Verein noch eine Stunde über den Schwachsinn des jungen Talents.
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Dann doch lieber OVID. Er hat nämlich bewiesen, daß man Dichter sein kann, ohne Narr zu sein (frei nach A. Schopenhauer).
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murmillo Kultur-Abteilung


















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