Murmillo-Archiv

Dienstag, 5. Februar 2013

DIE EREIGNISSE IN GERMANIEN (6): AN DEN LANGEN BRÜCKEN (2): TACITUS, AB EXCESSU DIVI AUGUSTI, I, 63f.: Caecina dubitanti...

"Caecina dubitanti (Dem zweifelnden Caecina; der im Zweifel war), quonam modo (auf welche Art denn) ruptos vetustate pontes (die durch Alter zerbrochenen Brücken) reponeret (er sie wiederherstellen sollte) simulque (und zugleich) hostes propulsaret (die Feinde zurückschlagen könnte/ sollte), castra metiari (ein Lager abzustecken) in loco (an der Stelle) placuit (gefiel ihm; bezogen auf "Caecina dubitanti"), ut opus (damit sie die Arbeit; das Werk; scil. an den Brücken) et alii proelium inciperent (und andere den Kampf beginnen konnten)."
TACITUS, I, 63.
Alles schön und gut, doch die Germanen hielten nicht viel vom Aktivismus und von den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Römer und griffen immer wieder an. Besonders auf die Schanzarbeiter hatten sie es abgesehen. Für die Legionäre, denen das Wasser schon fast bis zum Hals stand und die immer mehr im morastigen Gelände versanken, wurde es zunehmend ungemütlich.
"Et cuncta (Und alles) pariter Romanis adversa (war für die Römer in gleicher Weise ungünstig; widrig): locus uligine profunda (ein Ort von "tiefer Feuchtigkeit"; mit einem tiefen Morast), idem ad gradum instabilis (derselbe=ebenso für den Schritt instabil; schwankend), procedentibus lubricus (schlüpfrig für die Vorwärtsschreitenden); corpora gravia loricis (die Körper schwer durch die Brustpanzer); neque librare pila (und auch nicht die Pilen=Wurfspeere schwingen; im Gleichgewicht halten) inter undas poterant (konnten sie zwischen den Gewässern). Contra Cheruscis sueta (Dagegen; hingegen (waren) den Cheruskern gewohnt) apud paludes proelia (Kämpfe in den Sümpfen), procera membra ((sie hatten) hohe; hochgewachsene; schlanke Glieder= Körper), hastae ingentes (ungeheuer große Lanzen) ad vulnera facienda (um Wunden zu machen=verursachen, schlagen) quamvis procul (wenn auch noch so (sehr); obgleich aus der Ferne, von fern=aus jeder beliebigen Entfernung!)"
TACITUS, I, 64.
Dann kam die Nacht. Doch die Germanen legten sozusagen eine Nachtschicht ein und leiteten die Bäche von den Höhen in die Niederungen. Dies hatte zur Folge, daß aufgeworfene Erde und Verschanzungen weggeschwemmt wurden. Doppelte Arbeit für die Legionäre. Doch Caecina blieb "cool". Schließlich hatte er schon 40 Dienstjahre auf dem Buckel und einiges erlebt.
"Quadragesimum id stipendium (Das 40. Dienstjahr) Caecina (C.) parendi aut imperitandi (des Gehorchens und Kommandierens="teils in niedrigen, teils in höheren Stellen", Goldmann) habebat (hatte), secundarum ambiguarumque rerum sciens (der günstigen und der schwankenden; mißlichen; unsicheren Verhältnisse kundig; erfahren in...) eoque interritus (und daher unerschrocken; unerschütterlich; "cool"; sagte ich doch!)."
TACITUS, I, 64.
Hören wir, was "Freund" v. TIPPELSKIRCH zu verkünden hat:
"Am nächsten Tag mußten die Arbeiten an den Brücken und Dämmen fortgesetzt werden. Wiederum mußten Sicherungstruppen hinein in Dickicht und Sumpf. Dort wimmelte es jetzt nicht nur von Schlangen und Mücken, sondern auch von nackten, rötlich blonden Schlagetoten. Und noch eins kam hinzu: die Pfützen und Tümpel waren über Nacht größer geworden. An vielen Stellen, wo gestern noch fester Grund gewesen war, erstreckte sich nun ungangbarere Sumpf. Es war ein Rätsel. Denn das Wetter war noch immer trocken und warm. Es blieb ein Rätsel, bis die Legionäre in der kommenden Nacht wiederum Axtschläge, und diesmal in größerer Nähe vernahmen. Da fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen: die Germanen fällten Bäume, um mit ihnen die Bäche und den Fluß aufzustauen. Darum stieg das Wasser! Darum wurde Sumpf, was vordem Weg gewesen war."
Clever, meinen wir!
Doch was tat Caecina. Er überlegte erst einmal. "Was tun", sprach Zeus. Dann kam ihm die rettende Idee. Er mußte den Feind in den Wäldern aufhalten, um Zeit für den Abtransport der Verwundeten und der schweren Teile des Heereszuges zu gewinnen. Also stellte er zwischen den Sümpfen und den Bergen eine schmale Kampflinie auf:
"nam medio montium et paludum (denn in der Mitte zwischen den Bergen und den Sümpfen) porrigebatur planities (erstreckte sich; dehnte sich eine Ebene aus), quae tenuem aciem pateretur (die eine dünne Kampflinie zuließ). Deliguntur  legiones (Die Legionen werden ausgewählt; als Legionen) quinta dextro lateri (die fünfte für die rechte Seite) undevicesima in laevum (die 19. nach links), primani ducendum ad agmen (die Soldaten der ersten Legion, um den Heereszug zu führen) vicensimanus adversum secuturos (die 20. gegen die Verfolger; Nachfogenden)."
TACITUS I, 64.
Man sieht, die Römer waren Sicherheitsdenker ("controlfreaks" würden wir heute sagen). Ihre Stärke lag in der Ordnung und im Drill. Dies garantierte für Sicherheit und erhöhte Schlagkraft-jedenfalls in der Theorie. Doch, wie wir alle wissen, ist die Realität ein wenig anders als die Marlboro-Werbung. Das zeigt die "clades Variana" ganz deutlich. Und auch hier (in unserem Beispiel) war es recht brenzlig.
Manöverkritik: Es ist ein grober Planungsfehler, die Marschroute durch ein sumpfiges Wiesental zu wählen. Daß die langen Brücken längst verrottet waren, hätte man wissen müssen. Wenn man schon so blöd ist und da durchmarschiert, hätte man vorher ordentlich aufklären sollen, d.h. mit Reitern (Aufklärern) die Wälder durchkämmen müssen. Sonst wird das nix, Mister Caecina!
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Euer Imperator (der das alles besser gemacht hätte, und zwar mit deutscher Gründlichkeit!)




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