Murmillo-Archiv

Donnerstag, 3. Oktober 2013

DAS RÖMISCHE WOHNHAUS



Antike Autoren berichten fast nur über die protzigen Bauten der Reichen und Mächtigen. Über die Behausungen der armen Leute (wie ich z.B.) erfahren wir wenig. Doch beginnt man sich in jüngster Zeit auch dafür zu interessieren. So hat man in XANTEN ein Handwerkerviertel ausgegraben. In Köln führten Ausgrabungen am Dom zu Erkenntnissen darüber, wie die einfachen Leute gewohnt haben.
INGE LINFERT-REICH schreibt:
"Im Gegensatz zu römischen Schaufassaden, wie z.B. bei Theatern und Tempeln, zeichnet sich das römische Wohnhaus durch äußerste Schlichtheit und Abgeschlossenheit nach außen hin aus. War man durch die hölzerne, meist mit Metall beschlagene Tür eingetreten (=OSTIUM), gelangte man durch einen schmalen Korridor (=FAUCES) in den sich weit öffnenden ATRIUMHOF, den typischsten Teil des römischen Hauses."
(Der Tür vorgelagert war das "VESTIBULUM"=Vorhalle, Eingang).
Das Dach war schräg nach innen geneigt und war in der Mitte offen (=COMPLUVIUM), so daß man Sonne und frische Luft genießen konnte. Der Regen wurde in einem Bassin gesammelt (=IMPLUVIUM), das sich in der Mitte des ATRIUMS befand.
Das Dach konnte eine einfache Holzkonstruktion sein, es konnte aber auch durch Säulen getragen werden, die den ATRIUMHOF untergliederten, so daß er zur Wandelhalle wurde. Vom ATRIUM gingen alle Räum aus. Es war der Versammlungsort der Familie, wo der Altar der LAREN stand.
INGE LINFERT-REICH äußert sich hierzu wie folgt:
"Es zeigen sich hierin zwei Grundzüge römischer Lebensgewohnheiten: zuerst der forensische, gesellige Charakter des Römers, der auch bei sich zu Hause seinen 'Marktplatz' liebte und in dieser, einer Freizone angeglichenen Umgebung auch seine Gäste empfing und seine Geschäfte erledigte (wir wiesen schon darauf hin); ferner wird in der sparsamen Einrichtung die Bedürfnislosigkeit der Römer in bezug (sic!) auf Anzahl und Verwendungszweck der Möbel deutlich. Bei der Betrachtung der weiteren Räume des Wohnhauses wird es immer wieder begegnen, daß die Römer mit wenigen Möbeln auskamen."
Vollgestopfte und überladene Wohnungen, wie wir sie kennen, waren den nach Schlichtheit und Klarheit strebenden Römern ein Greuel vor dem Herrn. Wahrscheinlich ahnten sie auch, daß zu viele Sinneseindrücke der Ratio abträglich sind. Von JOHANN JOACHIM WINCKELMANN (1717-68) stammt die berühmte Formel "EDLE EINFALT UND STILLE GRÖSSE".
Die Wände des ATRIUMHOFS waren mit Malereien geschmückt (einfache ornamentale; bunte, figürliche). Der Boden war mit Estrich aus Ziegeln, Steinplatten oder einem Mosaik belegt. Vom ATRIUM kam man in das TABLINUM, eine Art Empfangsraum für Gäste, die man näher kannte (repräsentativer Charakter). Dieser Raum lag neben dem Speisezimmer, weshalb man annimmt, daß man sich nach dem Essen dorthin zurückzog, um weiterzutrinken (Hoch die Tassen!). Auch hier war die Einrichtung spartanisch: Liegesofas, kleine Tische für das Trinkgeschirr, maximal ein paar Regale. Das TABLINUM war auch Durchgangsraum zum Garten, lat. HORTUS. Auch das TRICLINIUM (Speisezimmer) war zum Garten hin geöffnet.
Die Nebenräume (CUBICULA=Schlafzimmer; CELLAE=Kinderzimmer, Näh-, Wasch-, Arbeitszimmer, Küche, Toilette, Bad) waren sehr klein und gruppierten sich um das Atrium herum.
Die Decken waren niedrig, Licht gab es so gut wie keins. (Dunkel war's, der Mond schien helle...)
"Seit dem 2. Jh. v. Chr. kommt das PERISTYLHAUS auf. Es erweitert das römische Haus durch das griechische PERISTYLIUM, einen gedeckten Säulenumgang, der einen Binnenhof mit Gartenanlagen und Springbrunnen einschließt und auch in den heißesten Monaten einen angenehmen, kühlen Aufenthalt im Freien gewährt (Braun 367). Eine Nische (EXEDRA) an der Rückseite, genau in der Achse des Hauses, nimmt jetzt die Hausgötter auf, weil das TABLINUM zum Durchgang geworden ist. Eine Hintertür (POSTICUM) für die Dienstboten führt vom PERISTYL ins Freie."
RES ROMANAE, S. 146.
Hierzu äußert sich auch INGE LINFERT-REICH:
"Ebenso typisch wie das ATRIUM ist für das römische Haus der schon erwähnte Garten (PERISTYL), in dem wiederum die Vorliebe der Römer für Freizonen zum Ausdruck kommt. Diese Gärten waren von Wandelhallen umgeben, hatten oft einen Springbrunnen oder andere Wasserspiele und waren mit Büschen und Blumenrabatten ebenso wie mit Marmor-und Bronzestatuen oder -statuetten geschmückt."
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Posticum: Wahrscheinlich wurde der Hintereingang auch von Freunden und Liebhabern der Filia des Hauses benutzt (sog. back-door-men). In brenzligen Situationen bestimmt auch als Fluchtweg.
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Das Wasser des IMPLUVIUMS leitete man in eine unterirdische Zisterne (PUTEUS).
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Schöner Wohnen! Und das ohne die berühmte Firma für Einrichtungen.
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Schaffe, schaffe, Häusle baue...Ja, net nach de Mädle schaue... (Schwäbische Weisheit).
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1.) INGE LINFERT-REICH: RÖMISCHES ALLTAGSLEBEN IN KÖLN, RÖMISCH-GERMANISCHES MUSEUM DER STADT KÖLN, 1975, 1976, S. 31-34.
2.) RES ROMANAE: EIN BEGLEITBUCH FÜR DIE LATEINISCHE LEKTÜRE, hrsg. v. DR. H. KREFELD, FRANKF. AM MAIN, 1976-80, S. 145 f.
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R (Haustyrann)



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