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Donnerstag, 6. März 2014

STOIKER (STOA, STOIZISMUS)

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Epikureer (Kepos)
Kyrenaiker

Die Stoische Schule (griech. Στοά) ist eine einflussreiche Schule des antiken Griechenlands.
Man spricht auch von der Stoa oder vom Stoizismus.
Die Stoa galt als eine der vier grossen Philosophenschulen der Antike, obwohl es auch weitere Bedeutende (wie die der Kyrenaiker und Kyniker) gab. Die vier Schulen waren: Akademie, Peripatos (Lykeion), Stoa und Kepos (des Epikur). 
Der Name (στοὰ ποικίλη - "bemalte Halle/Vorhalle") stammt von einer Säulenhalle auf der Agora in Athen. Hier lehrte Zenon von Kition um das Jahr 300 v. Chr. Er ist also einer der wenigen Begründer der Philosophenschulen dieser Zeit, die nicht aus Athen stammten. Einflussreich war auch Chrysippos von Soli, der die stoische Lehre derart weiterentwickelte, dass man von einem "zweiten Begründer der Stoa" spricht.
In der späteren Zeit erfuhr die stoische Lehre weitere Änderungen.
Eine kurze Zusammenfassung der Lehre ist schwierig, da die Inhalte der Lehrer kompliziert und wie erwähnt Schwankungen unterworfen waren. Im Kern geht es darum, dass die stoische Kosmologie eine alles durchziehende Weltvernunft annimmt, aus der sie auch ethische Konsequenzen ableitet. Das stoische Konzept ist also in vielfacher Hinsicht ganzheitlich.
Der Einzelne (Individuum) muss nun darauf reagieren, indem er entweder seine Gefühle und Leidenschaften kontrolliert oder gar abtötet, je nach Radikalität der Lehre. So kann er zur Seelenruhe gelangen und sich der Weisheit nähern. Richtige Weise gibt es aber nur sehr selten.
Der Begriff "stoische Ruhe" verweist auch heute noch auf Lehrinhalte dieser antiken Schule.  

Zenon
Chrysippos


Entstehung

Die vier grossen griechischen Philosophenschulen entstanden alle im 4. Jhd. v. Chr. Die ersten beiden, die Akademie und der Peripatos, stammten von Schülern des Sokrates ab, nämlich von Platon und Aristoteles.
Die Stoa und der Kepos (Garten) des Epikur entstanden etwas später, am Ende des Jahrhunderts. Sie sind sicher auch von sokrateischen Ideen beeinflusst, stammen aber auch aus einer Zeit, als auf politischer Ebene die alte griechische Poliskultur und -struktur zerfiel. Im frühen 4. Jhd. erschien Sparta noch als Sieger im Peloponnesischen Krieg, doch dann wurde es schwächer und verlor seine Macht an Theben, das seinerseits die Hegemonie auch nicht lange aufrecht halten konnte und mit dem wiedererstarkten Athen koalieren musste.
Doch zu einem "Weiterwuseln" auf Polisebene kam es nicht, weil sich im Norden über die Jahre eine grössere Gefahr zusammengebraut hatte: Das Königreich Makedonien. Philipp und dann sein Sohn Alexander sorgten für klare Kante und schlugen die vereinte athenisch-thebanische Streitmacht 338 v. Chr. bei Chaironeia. Nach dem Tode Philipps plante Alexander sein grosses Werk: Die Eroberung des Perserreiches, mit dem die Griechen so lange Zeit Ärger hatten. Vielleicht wollte er noch weiter gehen.
Aus Sicht der griechischen Poleis war man nun besetzt, obwohl es auch Sympathisanten einer griechischen Einigung unter makedonischer Hegemonie gab. Nach dem Tode Alexanders des Grossen 332 v. Chr. gab es in vielen griechischen Poleis Aufstände, die aber von Makedonen niedergeschlagen werden konnten.
Und auch wenn das grosse Alexanderreich in Teilreiche der Diadochen zerfiel, blieb Athen von Makedonien abhängig und verlor seine Demokratie. Kulturell - und philosophisch - konnte es aber weiterwirken.

Die Stoa schuf nun in diesem Klima, das neue weltanschauliche Deutungsmöglichkeiten eröffnete, neue Ideologeme für die Ausrichtung des Individuums in der Welt. Hier gab es Parallelen der ansonsten sich bekämpfenden Stoiker und Epikureer: Beide fragten grundsätzlich, wie das individuelle Seelenheil zu erreichen sei, kamen aber zu anderen Schlüssen.
Der aus Zypern stammende Kition setzte nicht auf epikureischen Rückzug von politischer Betätigung und ein gemässigtes Genussleben,, sondern empfahl, Lebensglück und Seelenruhe über kosmopolitische Bindungen zu suchen.


Lehre

Ältere Stoa:
  • Zenon von Kition (333 - 264)                     - Gründer der Stoa
  • Kleanthes von Assos (331 - 232/1)            - 2. Schulhaupt (ab 262)
  • Ariston von Chios (3. Jhd.)
  • Chrysippos von Soli (276 - 204)                 - 3. Schulhaupt (ab 232)
  • Zenon von Tarsos                                       - 4. Schulhaupt
  • Diogenes von Babylon (239 - 150)             - 5. Schulhaupt
  • Antipatros von Tarsos (- 129)                     - 6. Schulhaupt (140 - 129)

Mittlere Stoa:

  • Panaitios von Rhodos (180 - 110)               - 7. Schulhaupt (129 - 109)
  • Poseidonios von Apameia (135 - 51)           
Jüngere Stoa:

  • Lucius Annaeus Seneca (1 - 65)
  • Gaius Musonius Rufus (30 - 80)
  • Epiktetos (50 - 138)
  • Mark Aurel (121 - 180)  

Durch die lange Entwicklungszeit der Stoa nahm man immer wieder Anpassungen ihrer Lehre vor.
In den Bereichen Ethik, Physik und Logik gab es aber durch alle Stufen der Entwicklung Konstanten.


Naturphilosophie, Physik und Kosmologie

Nach stoischer Auffassung ist alles Seiende aus einem Urfeuer (Aither) entstanden. Der entstandene Stoff/Material (Hyle) ist durch eine göttliche Vernunft (Logos) beseelt. Damit steht die stoische Lehre dem Pantheismus nahe: Das göttliche Prinzip durchwirkt den Kosmos in allen seinen Bestandteilen.

Der Kosmos weist aber noch eine weitere Eigenschaft auf: In ihm besteht eine strenge Kausalität. Diese besteht auch dort, wo unsere Erkenntnis nicht hingelangt. Das Kausalprinzip bestimmt auch den Einzelnen und wird als Schicksal (Heimarmene) wahrgenommen. Selbst wenn er sich gegen die Vorsehung (Pronoia) stellen will, ist auch das durch das Schicksal bestimmt.

Diese Vorherbestimmtheit durch das Schicksal wirft die Frage nach der individuellen Handlungsfreiheit und damit der Verantwortung für eigenes Tun auf.
Chrysippos von Soli ging hierauf ein: Er erörterte die Verantwortlichkeit des Menschen für sein Tun anhand von Triebregung und Verhaltenskonsequenz. Die Befähigung zur Vernunft gibt dem Menschen die Möglichkeit, seine Triebe zu kontrollieren. Somit ist er doch verantwortlich für sein Tun.
Das Individuum muss auf seine innere Verfassung und die mit der Triebregung verbundene Vorstellung achten:

„Wenn jemand eine Walze auf eine schiefe Ebene wirft, gibt er allerdings den äußeren Anstoß zur Bewegung; aber die eigentliche Ursache, dass die Walze herabrollt, liegt in ihrer Gestalt, also in ihrem eigenen Wesen."

Chrysippos

Gerne wird die stoische Kosmologie auf eine Kurzformel gebracht, die auch schon in Onlinelexika wie Wikipedia aufgetaucht ist: 

„Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander verflochten. Nahezu nichts ist sich fremd. Alles Geschaffene ist einander beigeordnet und zielt auf die Harmonie derselben Welt. Aus allem zusammengesetzt ist eine Welt vorhanden, ein Gott, alles durchdringend, ein Körperstoff, ein Gesetz, eine Vernunft, allen vernünftigen Wesen gemein, und eine Wahrheit, so wie es auch eine Vollkommenheit für all diese verwandten, derselben Vernunft teilhaftigen Wesen gibt.“


Mark Aurel - Selbstbetrachtungen VII, 9 


Logik

Der Begriff "Logos" heisst eigentlich Wort, kann aber auch Sprache, Vernunft, Berechnung oder Logik heissen. Der Begriff deckt also sowohl linguistische als auch denklogische Bereiche und Operationen ab.
Für die Erkenntnis der Wahrheit muss ein "Kriterion" (Κριτήριον) eingesetzt werden, also ein Entscheidungsmittel. 

Die Stoiker wollen zur Erforschung der logischen Kausalketten auch die zu ihrer Vermittlung notwendige Sprache und ihre Struktur analysieren. Dafür halten sie intensive Studien zur Grammatik für notwendig. 
Auf logischem Gebiet entwickelte die Stoa eine komplette Aussagenlogik. Bereits Aristoteles hatte hier erste Ansätze geliefert, die Stoa stützte sich aber im Kern auf Diodoros aus Megara und Philon aus Megara.
Entscheidend voran brachte die stoische Logik aber Chrysippos von Soli.
Auf sprachwissenschaftlichem Gebiet haben die Stoiker Regeln zur Deklination und zu den grammatikalischen Zeiten aufgestellt und schliesslich eine eigene Sprachlehre entwickelt.
Weitere wichtige Bereiche im Umfeld der Logik waren Dialektik und Rhetorik. 
Die stoische Dialektik diente der Wahrheitsfindung, die Rhetorik der strukturierten und sprachästhetischen Vermittlung. Zenon wählte für die stringente Dialektik die geballte Faust und für die Rhetorik die gespreizte Hand. Die Faust besass das grössere Gewicht.


Ethik

Die Ethik der Stoiker wird von der Kosmologie und Logik abgeleitet, auch wenn sie in späteren Jahrhunderten eine dominantere Rolle erhielt.
Die Mensch ist aus stoischer Sicht ein Teilglied in eine vom Logos durchdrungenen Natur eingeordnet. Sein Intellekt ermöglicht ihm, am göttlichen Logos teilzuhaben. Sein menschliches Streben gilt der Weisheit als höchstem Gut und nach dem glücklichen Leben (Eudaimonia; nicht mit epikureischer Eudämonie-Vorstellung verwechseln). Dieses streben ist vernunftgeleitet, wird aber auch vom Streben nach Selbsterhaltung und Selbstvervollkommnung (Oikeiosis) begleitet. 


Um aber wirklich die Seelenruhe zu erlangen und ein stoischer Weiser zu werden, ist lebenslanges Bemühen notwendig. Die meisten erreichen das Ziel aber nur annähernd. Manche Stoiker meinen, dass nur alle 500 Jahre ein Weiser auftrete.
Eine Voraussetzung dafür ist die Affektkontrolle, die zu einer Freiheit, wenn nicht sogar Abtötung von Leidenschaften (Apatheia) führen soll. So sind auch Autarkie und Ataraxie möglich. 

Es ist umstritten, wie weit diese Apatheia gehen soll. 

Vom gemässigten Stoiker Mark Aurel ist der folgende Satz überliefert (zit. Weinkauf):
"Arbeite! Aber nicht wie ein Unglücklicher oder wie einer, der bewundert oder bemitleidet werden will.

Arbeite oder ruhe, wie es das Beste für die Gemeinschaft ist." 

Die Gemeinschaft der Stoiker bezog alle Menschen ein, Griechen und Barbaren, Bürger und Sklaven. Hier bestehen Ähnlichkeiten zu den Epikureern. Dieser schon von den Grüundungspersönlichkeiten angelegte kosmopolitische Zug der Stoa sorgte dafür, dass die Lehrer recht viele Menschen ansprach. Da die Stoiker auch nicht so zurückgezogen leben wollten wie die Epikureer, fanden sie auch Zugang zu politischen Eliten. Schon im Hellenismus waren einige stoische Philosophen so etwas wie frühe Politikberater. 
Auch im römischen Reich erreichte die Stoa die Eliten, wie man z. B. an Seneca sieht, einem Erzieher und Berater Kaiser Neros und mit Mark Aurel widmete sich sogar ein Kaiser der Stoa. Mark Aurel war aber auch epikureischen Lebensratschlägen gegenüber offen. 

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