Murmillo-Archiv

Sonntag, 24. November 2013

DIE GEHEIMNISVOLLE HEILERIN AUS DEM RÖMISCHEN HEIDELBERG

An der Verbindungsstraße zwischen KASTELL und VICUS von HEIDELBERG-NEUENHEIM und LOPODUNUM (LADENBURG) liegt ein lange vergessenes Gräberfeld aus uralten Zeiten. (LOPODUNUM, dies sei zur allgemeinen Information gesagt, wurde unter TRAJAN zum HAUPTORT der CIVITAS ULPIA SUEBORUM NICRENSIUM.)
In den Jahren 80 bis 190 n. Chr. wurden auf dem Friedhof Soldaten aus dem Lager und Zivilisten aus dem VICUS. bestattet. Die Soldaten gehörten zu zwei AUXILIAREINHEITEN, der COHORS XXIIII VOLUNTARIORUM ROMANORUM und der COHORS II AUGUSTA CYRENAICA EQUITATA.
BERNHARD HEUKEMES legte von 1951 bis 1973 ca. 1400 Gräber frei! (Eine unglaubliche Arbeit! Der wackere HEUKEMES hat 22 Jahre Gräber ausgebuddelt! Macht sich gut im Lebenslauf.)
1964 wurde ein Grab freigelegt, das wissenschaftlich bedeutsam ist:
Lage der Grabgrube: 140 m vom Rand der Siedlung entfernt; auf der rechten Straßenseite; in 2, 50 m Abstand zur Straßentrasse.
Form der Grabgrube: rundlich-oval; 1,2 auf 1, 09 m; schräge Wände; flache Sohle; diese: etwa 0, 5 m unter die zeitgenössische Oberfläche hinabreichend.
Art des Grabes: Brandgrubengrab (Mehrzahl der Bestattungen in HD).
Inhalt: Leichenbrand; in der ganzen Grube verstreut; Konzentration im nö. Abschnitt; ca. 0, 3m; Keramikfragmente (u.a. Terra Sigilata); Scherben einer Amphore; Metallgegenstände: Eisennägel (diese stellen die Mehrzahl; mit den Nägeln wurde das Holz des Scheiterhaufens und die Bahre befestigt); kleine Nägel; Bleche; Beschläge (Eisen, Bronze); gehören zu einem oder mehreren Holzkästchen; Schuhnägel; Spatelsonde; Instrumente (viele mit Bronzeschaft); Glasgefäße; 2 zylindrische Toilettenbehältnisse; Nadeln; Geräte aus Bein; Fragm. eines beinernen Fingerrings; unverbranne Sekundärgaben: westliche Grube: ein AS des TRAJAN (!); Bildlampe; Teller; Toilettenschere; Einhenkelkrug (vermutlich absichtlich zerschlagen); nordwestl. Segment: Wandscherben einer Amphore; 2 Einhenkelkrüge; 2 becherartige Objekte (Bronze; deformiert u. stark verfallen; in der Öffnung des einen: eine sog. Firmalampe).
Datierung: Der AS liefert einen TERMINUS POST QUEM: 99 oder 100 n. Chr. Durch die beiden Lampen gelang eine Eingrenzung: ERSTE HÄLFTE 2. JH. N. CHR.
Geschlechtspezifische Bestimmung: Alles deutet auf die Bestattung einer FRAU hin. Diese war ungefähr 30 BIS 35 JAHRE ALT, als sie starb.
WER WAR DIESE FRAU?-Die Restauratorin B. CÜPPERS setzte die Fragmente der becherartigen Objekte zusammen. So fand man heraus, daß es sich dabei um SCHRÖPFKÖPFE handeln müsse (pilzförmige Saugglocken; ca. 11, 5 cm; aus dünnem Bronzeblech; Aufhängevorrichtung mit Käppchen und Ring; lat: CUCURBITA/ CUCURBITULA=kleiner Kürbis; vgl. auch: das Grab von Bingen und Funde aus Martigny=Forum Claudii Vallensium; fast identische Form (!)).-SCHRÖPFKÖPFE waren "INSIGNIEN DES HEILWESENS" (s. auch die Bestattung auf RHODOS; um 500 v. Chr.). Sie stehen stellvertretend für den Heilberuf. Weitere Hinweise auf den Beruf der Toten: die Spatelsonde und die kleine Schere (vgl. dazu CELSUS: DE MEDICINA 7, 21). Das Öllämpchen: vermutlich zur Herstellung des Unterdrucks durch Erhitzen.
All diese Befunde deuten darauf hin, daß die TOTE AUS DEM HEIDELBERGER GRAB ALLGEMEINÄRZTIN WAR!
Weitere Beispiele:
1) ein frühkaiserzeitliches Grab; Südspanien (u.a. med. Geräte; Fibeln; Schmuck)
2.) Brandgrab aus Strée, Hainaut, Belgien; um 100 n. (2 Fibeln; gehören zur provinziellen Frauentracht)
3.) Brandgrab in Wederath/ Hunsrück (VICUS BELGINUM); um 100 n. (u.a. eine Zahnzange)
4.) Brandschüttungsgrab mit Urne; Gräberfeld VINDONISSA; Mitte 1. Jh. (u.a 2 Skalpelle)
CONCLUSIO: ANTHROPLOGISCHE UNTERSUCHUNGEN SOWIE UNTERSUCHUNGEN DER GRABBEIGABEN ERGEBEN FOLGENDES BILD: DIE UNBEKANNTE TOTE WAR MIT SICHERHEIT EINE ÄRZTIN. EINE SPEZIALISIERUNG LIESS SICH NICHT NACHWEISEN. DIE HEIDELBERGER MEDICA IST ZWISCHEN 100 UND 150 N. CHR. GESTORBEN. DA SIE ZWISCHEN 30 UND 35 JAHRE ALT WAR, WURDE SIE FRÜHESTENS 65 N.CHR. UND SPÄTESTENS 120 N. CHR. GEBOREN. VERMUTLICH HAT DIE MEDICA DIE HILFSTRUPPEN IM KASTELL SOWIE ZIVILISTEN AUS DEM VICUS BEHANDELT. MEDICAE BZW. IATRINAI STANDEN IM ALLGEMEINEN IN HOHEM ANSEHEN!
---
QUELLE: ARCHÄOLOGISCHES KORRESPONDENZBLATT; hrsg. vom Röm.-Germ. Zentralmuseum; Jahrgang 34; 2004: EINE ÄRZTIN AUS DEM RÖMISCHEN HEIDELBERG von A. Hensen, J. Wahl, E. Stephan, C. Berszin.
---
Zu guter Letzt: Unsere Medica war gewiß eine Provinzialin keltisch-germanischer Herkunft. Ich glaube am meisten, daß sie eine Germanin war, die ein germanisches Idiom sprach. Sicherlich sprach sie auch passabel Latein, sonst hätte sie ihre römischen Patienten nur schlecht verstehen können. Sie war vielleicht auch so etwas wie eine Mittlerin zwischen dem römischen Lager und dem Dorf (vicus). Ganz sicher kannte sie jeder. Unsere Medica hatte bestimmt ein gütiges Wesen, war sehr beliebt und wurde hoch geachtet. (Unsere heutigen Ärzte sollten sich daran ein Beispiel nehmen!). Ich finde, sie hätte es verdient, einen Namen zu bekommen-natürlich einen germanischen. Kennt jemand einen schönen germanischen Frauennamen, der zu der Medica passen würde?
---
ARMINIUS


Keine Kommentare:

Kommentar posten