Murmillo-Archiv

Mittwoch, 30. September 2015

Montag, 28. September 2015

ERNST HEIMERAN: LEHRER, DIE WIR HATTEN-LATEIN=VORNEHM!

"Er war klein und beleibt, ein Huber, wie er im Buche steht. Er gab Deutsch, Geschichte und Erdkunde. Auch an dieser Kombination war für einen Klassenleiter nichts Auffallendes. Unsere Ordinarien in der ersten und zweiten Klasse lehrten im Hauptfach allerdings LATEIN, WAS ENTSCHIEDEN VORNEHMER WAR. Sie ließen dafür die ohnedies nicht recht ernstzunehmende Geographie beiseite. Zwar war Geographie als Schulfach nicht so gering von Ansehen wie etwa Zeichnen; aber daß nicht viel hinter der Erdkunde stecken könnte, sah man schon daraus, daß sie im Absolutorium nicht geprüft wurde. Sie hörte einfach auf, basta."
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OVID: AMORES I, 7

AMORES I, 7 ist ein Psychodrama en miniature. Es ist Schuldbekenntnis und Selbstdemontage zugleich nach Art eines inneren Monologs.
Situation: OVID hat sich gegenüber CORINNA vom Zorn hinreißen lassen. Er hat ihre Haare zerrauft und die Hand gegen sie gehoben. Nun ist er zerknirscht und voll der Reue.
1) Das Gedicht beginnt mit der Aufforderung, seine Hände zu fesseln, bis sein wahnsinniger Zustand vorbei ist. Dieser nämlich sei der Grund seines Handelns. Resultat: CORINNA weint und ist verletzt.
Bei OVID löst dies Entsetzen über sich selbst aus! Er wäre wohl auch imstande, die Eltern und Götter zu schlagen. Prominente Beispiele solchen Tuns: 1.) Ajax und 2.) Orestes.
2) OVID kann selber nicht glauben, was er getan hat. Im nächsten Moment verharmlost er seine Tat wieder, indem er sie ins Komische zieht: Zerrauftes Haar stehe ihr gar nicht so schlecht. CORINNAS Schönheit ist so groß, daß sie auch in diesem Zustand schön war.
Vergleich mit drei mythologischen Frauengestalten: 1.) Atalante, 2.) Ariadne, 3.) Kassandra.
3) In Form einer rhetorischen Frage (Wirksamkeit!) bezeichnet er sich selbst als Barbar und Irrer. Nocheinmal geht er auf CORINNAS Reaktion ein: Sie ist still, weil sie Angst hat. Seine Reaktion: Beschämung. Durch ihre Tränen fühlt er sich als Verbrecher. Er verwünscht seine Arme.
Fazit: 1.) Seine Raserei hat ihm geschadet, 2.) Sein männliches Getue führt zur Beschämung.-Erneute Verfluchung der Hände (Motiv, vgl. Anfang).
4) Selbst wenn er den niedrigsten Bürger geschlagen hätte, müßte er sich verantworten. Sollte er ihr gegenüber ein größeres Recht besitzen (rhetor. Frage)? Antwort: definitiv nein!
OVID hält sich für weit schlimmer als Diomedes, der eine Göttin schlug. Allerdings war diese eine Feindin, OVID hingegen schlug die Geliebte oder die, von der er sagte, daß er sie liebe. Damit stellt er sich als Lügner und Heuchler hin.
5) Nun stellt er sich vor, wie er als trauriger Held in einem grotesken Triumphzug die Freundin als Gefangene mit sich führt. Er bedauert, daß ihre Verletzung an der Wange keine Kußspuren oder "Knutschflecken" sind.
6) Weitere Selbstanklage: Seine Affekte hätten ihn im Griff, nicht er sie. Anschreien, drohen, Kleider zerreißen war ihm nicht genug (Unmäßigkeit!). Er hat ihr auch noch Haare ausgerissen und ihr Gesicht zerkratzt.
7) Drastische Schilderung ihrer Reaktion (entseelt, bleich, blutlos, wie Marmor, leblos, beben). Dreifacher Vergleich: Sie zittert wie Blätter, Rohr und Wellen, die vom Wind bewegt werden. Ihre Tränen werden mit Schmelzwasser verglichen (all dies läßt O. noch herzloser erscheinen).
8) Beginn seiner Schuldgefühle. Als sie weint, ist es, als ob er blutet. Er fleht sie an zu verzeihen, wirft sich vor sie hin, und das gleich dreimal, doch dreimal stößt sie ihn zurück. Er will, daß sie ihn bestraft (Gesicht zerkratzen, Haare ausreißen), da dadurch der Schmerz kleiner werde. Schwäche soll sie dabei durch Zorn ausgleichen.
Dann möge sie sich wieder die Haare machen, damit man von OVIDS Tat nichts mehr sehe.
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Das Gedicht zeigt die Verderblichkeit der Affekte. Diese beherrschen den Menschen und bringen ihn dazu, Dinge zu tun, die er hinterher bereut. Im konkreten Fall zerstört OVID fast die Beziehung zu CORINNA. Es kostet viel Energie, den Ausgangszustand wiederherzustellen.
Der Leser soll von OVIDS Verhalten abgeschreckt werden. Insofern hat das Gedicht kathartische Funktion.
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Meine Meinung: CORINNA hätte den Typ verlassen sollen! Es gibt Konstellationen, die nicht funktionieren. Das sollte man akzeptieren.
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by decurio

Sonntag, 27. September 2015

SELBSTBIOGRAPHISCHES: OVID, TRISTIA, IV, 10, 3 ff:

"SULMO ist durchströmt von kühlendem Naß, meine Heimat,
Welches neunmal zehn Meilen entfernt ist von Rom."
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heute: Sulmona
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"Hier bin  geboren ich, und daß die Zeit dir bekannt sei:
Als zwei Konsuln zugleich fielen demselben Geschick."
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43 v: Gaius Vibius Pansa u. Aulus Hirtius fielen bei Mutina, heute Modena, gegen Antonius.
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Goldmanns gelbe Taschenbücher.
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LEKTÜREHINWEISE ZU OVID, AMORES:

1.) H. FRÄNKEL: OVID, A POET BETWEEN TWO WORLDS, (Berkeley 1945, Neudruck 1956, deutsche Übers. Darmstadt 1970; dazu W. MARG, GNOMON 21, 1949, 44 ff) und L. P. WILKINSON. OVID RECALLED, Cambridge 1955, Neudruck 1974: gekürzt für ein breiteres Publikum, als: OVID SURVEYED, Cambridge 1962; OVID, hrsg. v. M. VON ALBRECHT und E. ZINN (WEGE DER FORSCHUNG 92), Darmstadt 1968, 2. Aufl. 1982; (...)
2.) W. STROH: DIE RÖMISCHE LIEBESELEGIE ALS WERBENDE DICHTUNG, Amsterdam 1971. (...)
3.) G. LÖRCHER: DER AUFBAU DER DREI BÜCHER VON OVIDS AMORES, Amsterdam 1975 (Heuremata); (...)
4.) J. R. MARTYN: NASO-DESULTOR AMORIS (Amores I-III), in: H. TEMPORINI und W. HAASE: AUFSTIEG UND NIEDERGANG DER RÖM. WELT II 31, 4, S. 2436-2459;
5.) J. T. DAVIS: RISIT AMOR, Aspects of literary burlesque in Ovid's Amores, ebd. 2460-2506.
6.) M. L. COLETTI: RASSEGNA BIBLIOGRAPHICO-CRITICA DEGLI STUDI SULLE OPERE ARMATORIE DI OVIDIO DAL 1958 AL 1978, ebd. 2385-2435.
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Aus: Sammlung TUSCULUM, hrsg. v. K. BAYER, M. FUHRMANN, G. JÄGER: PUBLIUS OVIDIUS NASO: LIEBESGEDICHTE, AMORES, lat. . deutsch v. W. MARG u. R. HARDER, ARTEMIS-VERL., München und Zürich 1984, S.176 f.
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Alle lesen!
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OVIDIUS: AMORES I, 6: DRAUSSEN VOR DER TÜR

Das Gedicht ist ein sog. PARAKLAUSITHYRON. Freund OVID ist der "exclusus amator. Er bringt ein Ständchen (bei dem sicherlich die Milch sauer wird) und bittet um Einlaß.-Motiv der griech. Komödie.
(Quelle: Artemis-Ausgabe, adnotationes)
1.) Er bedauert den Torwächter (damals waren Türsteher angekettet!)
Aufforderung: Open the door!.
Versuch, den Wächter zu überrreden: Er wolle nur wenig. Der Wächter brauche nur einen Spalt aufzumachen. OVID sei ja sehr dünn, da er im Dienst des AMOR abgemagert sei. Außerdem sei er recht "biegsam".
Militärischer Vergleich: Er könne daher nachts durch Wachen und Posten schleichen. Sein Schritt sei kaum hörbar.
2.) Rückblende: Früher hatte er "fear of the dark".-Gelächter AMORS darob! Er solle warten, bis er ein Mann sei. Als nun OVID mit seinen Weibergeschichten anfing, verließ ihn diese Angst.
Nur den Türhüter fürchtet er noch.
3.) Erneute Bitte, die Tür zu öffnen. Hinweis auf seine Tränen (OVID versucht Mitleid zu erregen) und daß er ihm durch seine Fürsprache die Peitsche erspart habe!
Vorwurf der Undankbarkeit.-Erweist er sich aber als dankbar, dann geht sein Wunsch in Erfüllung.
Hinweis darauf, daß die Nacht schon fast vorbei ist (OVID "arbeitet" nur nachts.)
OVID fordert: Schiebe den Riegel zurück (repetitio; stereotyper Abschluß der folgenden Strophen).
4.) Genauso beginnt die nächste Strophe!-Er stellt ihm Belohnungen in Aussicht: Befreiung von der Kette; Wein!
Der Wächter bleibt hart.-Unüberwindlichkeit der Tür.-Militärischer Vergleich (Überredungsversuch): Im Krieg brauchen Städte Tore. Rhetor. Frage, ob er denn im Frieden Gewalt fürchte?-Weiteres Argument: Was tust du erst mit Feinden, "wenn du so den Liebenden ausschließt?" (Goldmann-Übersetzung).
5.) OVID kommt nicht in militärischer Absicht. Er ist ganz allein (nur in ihm rast Gott AMOR).-OVID kann nichts dagegen tun, auch wenn er wollte (Hinweis darauf, daß er nicht frei in seinem Tun ist oder dafür verantwortlich; (TRICK: Wenn der Wächter OVID abweist, dann macht er sich evtl. AMOR zum Feind!).
Die Unmöglichkeit, anders zu handeln: eher könnte er sich von seinem Leib trennen.
OVID macht sich nun über sich selbst lustig, um auf seine Harmlosigkeit hinzuweisen: Weinrausch, verrutschter Kranz (er kommt offenbar von einem Gelage); rhetor. Frage: Wer hat davor schon Angst?
"Ist das eine Waffe zum Fürchten?" (Goldmann-Übers.)
Das Motiv der schwindenden Nacht wird aufgegriffen. Mach endlich auf!
6.) Vorwurf, der Wächter sei "lentus" oder schläfrig (dann solle ihn der Schlaf verderben!).-Rückblende: Einst war er wach bis zur Mitte der Nacht.-Frage, ob er vielleicht seine Freundin bei sich habe?-Dann gehe es ihm besser als OVID. Dann würde er sogar seine Kette tragen.
Hinweis auf das Schwinden der Nacht.-Mach die Tür auf!
7.) Leiser Hoffnungsschimmer (Wendepunkt?): Geräusch der Türangel?-"Gab mir Antwort die Tür...?"
Fehlanzeige! (Desillusionierung)-Es war nur der Wind (dies zeigt, wie sich ein Liebender an jeden Strohhalm klammert).-Bild: der Wind trägt sein Hoffen davon.-Mytholog. Exkurs: BOREAS ("Dämon des stürmischen Nordwindes"; Artemis-Übers.), der Oritheia, eine Königstochter aus Athen entführt hat, solle die Tür "wecken".
Hintergrund: die Stille der Stadt.-
Hinweis auf das Schwinden der Nacht. Mach' auf!
8.) OVID hat jetzt endgültig genug und wird (gespielt) brachial: Er fordert (von BOREAS?) "Eisengerät", um die Tür aufzubrechen oder es solle am besten gleich die Tür abfackeln.
Wieder weist OVID die Verantwortung von sich: AMOR, Wein und Nacht sind schuld; diese raten keinem zur Mäßiggung.-OVID stellt zwei Thesen auf:
These (bzw. Argument)1: Die Nacht ist frei von Scham.
These (bzw. Argument): 2: BACCHUS und AMOR sind frei von Furcht.
OVID hat alles versucht (Drohen, Bitten) und scheint zu resignieren. Der Pförtner sei härter als die Tür!
Dieser sei unwürdig, "einer Frau die Schwelle zu hüten" (Goldmann-Übers.)
Das verdiene er nicht, sondern "Kerker und grausame Haft".-
9.) Die Nacht ist vorüber: Morgenstern, Nahen der Sonne, der Hahn, Sklaven, die arbeiten.
OVID will seinen Kranz auf die Schwelle legen-sozusagen als sein Stellvertreter. Zweck: CORINNA soll ihn finden und bereuen, daß die Zeit "so traurig" vertan wurde.
10.) OVID ist ein fairer Verlierer. Er grüßt zum Abschied den Türsteher. Dennoch; Dieser habe schändlich gehandelt, weil er Liebende trennte (Verstoß gegen AMOR).-Er verwünscht nochmals die Tür:
"Grausame Flügel der Tür
mit eurem gefühllosen Riegel,
ihr auch, des Sklaven Mit-
sklaven, ihr Pfosten aus Holz."
(Goldmann-Übers.)
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Liebe und Poesie unterliegen der grausamen Realität!
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by Hidalgo

OVIDIUS: AMORES I, 5: SHE'S COMING TO HIM FOR THE VERY FIRST TIME

1.) Ausgangssituation: Sommer, Mittagsstunde; Ovid ruht sich aus (Lieblingsbeschäftigung!). Ovid, der décadent.
Es wird eine "relaxte" Atmosphäre beschrieben, die auf das, was kommt, vorbereitet.
2.) Mittlerweile herrscht Dämmerung: Beschreibung der Dämmerung; 3facher Vergleich ("wie")
Jetzt kommt, worauf er hinaus will: Dieses Dämmerlicht ist wie geschaffen für schüchterne Mädchen.
3.) Besonderer Teil: CORINNA erscheint (in Tunica ohne Gürtel, offenes Haar, oh-là-là!)
Vergleich mit SEMIRAMIS (regierte das assyr. Großreich nach dem Tod des Gatten; Inbegriff der Sinnlichkeit!)
Vergleich mit THAIS (Hetäre aus Athen, begleitete Alexander den Großen auf seinen Feldzügen).
Hinweis auf ihr dünnes Gewand. Ovid versucht ihr die Klamotten herunterzureißen! Nur schwache (gespielte) Gegenwehr!
Sie steht nackt vor ihm. Ihr Körper ist perfekt (Arme, Schultern, Brust (paßt genau in seine Hand), schöner Leib, üppige Hüfte, Bein). Rhetor. Frage, ob er denn ins Detail gehen soll (andere Körperteile?-wird der Vorstellung bzw. schmutzigen Phantasie des Lesers überlassen).
Fazit: Alles perfekt! Er ist wie im Rausch. Reißt sie an sich.
Das weitere überläßt er wieder dem Leser ("Was noch? Wer wüßte es nicht?")
Wunsch, daß ihm oft solch ein "seliger Mittag" beschert werde (was umgekehrt heißt, daß dies nicht oft der Fall war).
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OVID mustert hier CORINNA wie ein Pferde-oder Mädchenhändler. Eindruck, daß er nur oberflächlich verliebt ist!
---by decurio